Solo exhibition
Faculty of Fine Arts,
Center for Graphic Art & Visual Researches "AKADEMIJA"
Belgrade
Serbia
Belgrade
Serbia
27. 09 - 11. 10. 2011.
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Text in German:
Tr/Facing the city
Reflections on Nina Todorovic’s „Marginalization“
Simone
Kraft
Städtische
Strukturen sind im 21. Jahrhundert zum normalen Habitat des Menschen geworden. In
westlichen Ländern wohnt Dreiviertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten,
die Wanderungsbewegungen in städtische Räume sind stark wie nie zuvor.
Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz
steigend. Die Urbanisierung prägt die menschliche Lebenswelt immer nachhaltiger
und grundsätzlicher.
Trotzdem
zeichnet sich eine paradoxe Situation ab: Je präsenter und dominanter die
Städte und das urbane Lebensumfeld werden, desto „unsichtbarer“ werden sie. Was
sich zunächst widersprüchlich liest, verweist auf ein vielschichtiges Phänomen,
das sich ebenso im Stadtbild selbst als auch im Verhältnis der Stadtbewohner zu
ihrem Lebensumfeld beobachten lässt.
So
haben die urbanen Bautendenzen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem
Stadtbild geführt, das sich kontinuierlich wiederholt und die Städte dabei einander
immer ähnlicher werden lässt. Die modernen Metropolen gleichen sich zunehmend
an und verlieren ihr individuelles Gesicht: Wolkenkratzerwelten, Straßennetze, Satellitenstädte
folgen von den USA über Europa bis nach Afrika und Asien den immer gleichen
Mustern. Die Innenstädte werden mit denselben Ladenketten hinter stylischen
Glasfassaden in Fußgängerzonen anonym und austauschbar. Die Individualität der
Städte selbst schwindet, sie werden „unsichtbar“.
Gründe
hierfür sind zahlreich, ihnen erschöpfend nachzuspüren würde Bände füllen. Denn eine Stadt ist ein Konglomerat zahlreicher
Faktoren, ein Zusammenspiel kultureller und sozialer ebenso wie ökonomischer,
infrastruktureller und finanzieller Aspekte. Am deutlichsten sichtbar und damit
unmittelbar erfahrbar wird Stadt aber im Gebauten: Architektonische Strukturen
und Konstruktionen, Häuser, Straßen, Plätze, Brücken sind es, die das urbane
„Gesicht“ prägen.
Gerade
diesem bringt der Großteil der Stadtbewohner jedoch überraschend wenig
Aufmerksamkeit entgegen. Die meisten Menschen nehmen die architektonische
Umgebung kaum bewusst wahr. Funktionale Nutzbauten wie Büros, Wohngebäude,
Werkhallen, denen man tagtäglich begegnet, werden nicht beachtet, sie scheinen
wie „unsichtbar“. Allenfalls außergewöhnliche Bauwerke aus vergangenen Zeiten
oder extravagante moderne Bauten werden bemerkt und gegebenenfalls diskutiert.
Die architektonischen „Hüllen“ unseres Alltags hingegen werden hingenommen,
ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu widmen – erstaunlich, vergleicht man, welches
Interesse etwa einer anderen alltäglichen „Hülle” entgegengebracht wird: der
Kleidung.
Bedenkt
man die Bedeutung der Architektur, die nicht nur das menschliche Lebensumfeld –
wir verbringen einen Großteil unseres Alltags in gebauten Räumen, nicht umsonst
spricht man von „Lebens-Raum“ – gestaltet, sondern auch die kulturelle und
historische Identität wesentlich mitformt und damit weit über das formale
Errichten von Gebäuden im engeren Sinne hinausgeht, überrascht diese Situation
umso mehr.
In
einem solchen Umfeld wird es dadurch letztlich auch immer schwieriger, sich
selbst zu verorten. In „unsichtbar“ werdenden Städten rücken wir immer weiter
an den Rand. Was ist Stadt? Wer bin ich in der Stadt? Was ist Stadt für mich?
Nina
Todorovic nähert sich diesem Phänomen auf verschiedenen Ebenen an. Aus ihrem
persönlichen Erleben heraus setzt sie sich intensiv mit ihrer urbanen Umwelt
auseinander und spürt dem architektonischen „Gesicht“ der Stadt nach.
Immer
wieder hat die Künstlerin den Blick aus den Fenstern ihres Büros auf die
Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes festgehalten, tagsüber oder bei Dunkelheit,
mit natürlichem Licht oder bei Neonbeleuchtung, mit Sonnenstrahlen, Reflexionen
auf dem Fensterglas oder völlig „pur“. Anschließend wurden diese Aufnahmen digital
bearbeitetet und in unterschiedlichen Kombinationen zusammengestellt.
Dabei
entstehen geometrische Formenspiele, die die vermeintlich tristen, unspektakulären
Fassadenausschnitte eines modernen Bürobaus in ästhetische Kompositionen
verwandeln. Der immer gleiche Blickwinkel offenbart überraschend vielfältige,
abwechslungsreiche, fast abstrakte Ansichten. Dennoch bleibt die zugrundeliegende
architektonische Struktur stets spür- und sichtbar.
Trotz
– oder vielleicht auch gerade wegen – der reduzierten und repetierenden
Gestaltungsweise des gleichen Motivausschnitts eröffnet sich dem Betrachter ein
vielschichtiger Betrachtungsspielraum. So ist Todorovic’ Blick aus dem
Bürofenster, vor dem eine Wand aufragt, eine sehr persönliche Reaktion auf ihr
urbanes Umfeld. Sie steht damit für eine in der globalisierten Welt typisch
gewordene Büroexistenz – monoton, trist, am Arbeitsplatz buchstäblich „einsitzend“,
im eigenen Leben gleichsam an den Rand gedrängt und ohne
Gestaltungsmöglichkeiten. Verschärft wird dies durch den Zwiespalt der
Künstlerin, die ihre Zeit zwischen einer Tätigkeit zum Geldverdienen und der
freien künstlerischen Arbeit aufteilen muss. Damit steht sie stellvertretend
für unzählige andere, Künstler oder nicht, die im Wirtschaftsleben
marginalisiert werden.
Zugleich
offenbart ihr aufmerksamer Blick auf die Umgebung überraschende Aus- und
Ansichten. Die bewusste Wahrnehmung des urbanen Umfelds schärft das Bewusstsein
auch und gerade für die kleinen Details, die die Stadtarchitektur prägen. Durch
ihre Aufnahmen gibt Todorovic gleichsam der Stadt ihr Gesicht zurück, indem
architektonische Strukturen in den Blick gerückt werden.
Dem
Betrachter eröffnet sich ein zunehmend komplexer werdender Assoziationskontext,
der unterschiedlichste Kontexte streift. Isolation und zwischenmenschliches
Verstummen in einer von Telekommunikationsmedien bestimmten Welt, die
Wahrnehmung von „Realität“ im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung, die
Verortung in einer sich immer schneller entwickelnden und immer mehr ins WWW verlagernden
Welt sind Themen, die die Künstlerin beschäftigen.
Nicht
zuletzt sind Todorovic’ Arbeiten auch digital bearbeitet und stehen damit für
eine Art der Bildpräsentation, die sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat.
Zugespitzt gesagt: Wir sehen die Welt durch Photoshop. Das Leben mit und in
einer allgegenwärtigen virtuellen Realität – ist es bedrohlich? Eröffnet es
Chancen? Steigt durch die zunehmende Verlagerung des Lebens in den virtuellen
Raum nicht das Bedürfnis, sich in der realen Welt zu verorten – in der urbanen
Umwelt?






















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