Wednesday, September 28, 2011

MARGINALIZACIJA / MARGINALIZATION

Solo exhibition

Faculty of Fine Arts, 
Center for Graphic Art & Visual Researches "AKADEMIJA" 
Belgrade
Serbia
27. 09 - 11. 10. 2011.

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Text in German: 
Tr/Facing the city
 Reflections on Nina Todorovic’s „Marginalization“
Simone Kraft
Städtische Strukturen sind im 21. Jahrhundert zum normalen Habitat des Menschen geworden. In westlichen Ländern wohnt Dreiviertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten, die  Wanderungsbewegungen in städtische Räume sind stark wie nie zuvor. Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz steigend. Die Urbanisierung prägt die menschliche Lebenswelt immer nachhaltiger und grundsätzlicher.
Trotzdem zeichnet sich eine paradoxe Situation ab: Je präsenter und dominanter die Städte und das urbane Lebensumfeld werden, desto „unsichtbarer“ werden sie. Was sich zunächst widersprüchlich liest, verweist auf ein vielschichtiges Phänomen, das sich ebenso im Stadtbild selbst als auch im Verhältnis der Stadtbewohner zu ihrem Lebensumfeld beobachten lässt.
So haben die urbanen Bautendenzen in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Stadtbild geführt, das sich kontinuierlich wiederholt und die Städte dabei einander immer ähnlicher werden lässt. Die modernen Metropolen gleichen sich zunehmend an und verlieren ihr individuelles Gesicht: Wolkenkratzerwelten, Straßennetze, Satellitenstädte folgen von den USA über Europa bis nach Afrika und Asien den immer gleichen Mustern. Die Innenstädte werden mit denselben Ladenketten hinter stylischen Glasfassaden in Fußgängerzonen anonym und austauschbar. Die Individualität der Städte selbst schwindet, sie werden „unsichtbar“.
Gründe hierfür sind zahlreich, ihnen erschöpfend nachzuspüren würde Bände füllen. Denn eine Stadt ist ein Konglomerat zahlreicher Faktoren, ein Zusammenspiel kultureller und sozialer ebenso wie ökonomischer, infrastruktureller und finanzieller Aspekte. Am deutlichsten sichtbar und damit unmittelbar erfahrbar wird Stadt aber im Gebauten: Architektonische Strukturen und Konstruktionen, Häuser, Straßen, Plätze, Brücken sind es, die das urbane „Gesicht“ prägen.
Gerade diesem bringt der Großteil der Stadtbewohner jedoch überraschend wenig Aufmerksamkeit entgegen. Die meisten Menschen nehmen die architektonische Umgebung kaum bewusst wahr. Funktionale Nutzbauten wie Büros, Wohngebäude, Werkhallen, denen man tagtäglich begegnet, werden nicht beachtet, sie scheinen wie „unsichtbar“. Allenfalls außergewöhnliche Bauwerke aus vergangenen Zeiten oder extravagante moderne Bauten werden bemerkt und gegebenenfalls diskutiert. Die architektonischen „Hüllen“ unseres Alltags hingegen werden hingenommen, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu widmen – erstaunlich, vergleicht man, welches Interesse etwa einer anderen alltäglichen „Hülle” entgegengebracht wird: der Kleidung.
Bedenkt man die Bedeutung der Architektur, die nicht nur das menschliche Lebensumfeld – wir verbringen einen Großteil unseres Alltags in gebauten Räumen, nicht umsonst spricht man von „Lebens-Raum“ – gestaltet, sondern auch die kulturelle und historische Identität wesentlich mitformt und damit weit über das formale Errichten von Gebäuden im engeren Sinne hinausgeht, überrascht diese Situation umso mehr.
In einem solchen Umfeld wird es dadurch letztlich auch immer schwieriger, sich selbst zu verorten. In „unsichtbar“ werdenden Städten rücken wir immer weiter an den Rand. Was ist Stadt? Wer bin ich in der Stadt? Was ist Stadt für mich?
Nina Todorovic nähert sich diesem Phänomen auf verschiedenen Ebenen an. Aus ihrem persönlichen Erleben heraus setzt sie sich intensiv mit ihrer urbanen Umwelt auseinander und spürt dem architektonischen „Gesicht“ der Stadt nach.
Immer wieder hat die Künstlerin den Blick aus den Fenstern ihres Büros auf die Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes festgehalten, tagsüber oder bei Dunkelheit, mit natürlichem Licht oder bei Neonbeleuchtung, mit Sonnenstrahlen, Reflexionen auf dem Fensterglas oder völlig „pur“. Anschließend wurden diese Aufnahmen digital bearbeitetet und in unterschiedlichen Kombinationen zusammengestellt.
Dabei entstehen geometrische Formenspiele, die die vermeintlich tristen, unspektakulären Fassadenausschnitte eines modernen Bürobaus in ästhetische Kompositionen verwandeln. Der immer gleiche Blickwinkel offenbart überraschend vielfältige, abwechslungsreiche, fast abstrakte Ansichten. Dennoch bleibt die zugrundeliegende architektonische Struktur stets spür- und sichtbar.
Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der reduzierten und repetierenden Gestaltungsweise des gleichen Motivausschnitts eröffnet sich dem Betrachter ein vielschichtiger Betrachtungsspielraum. So ist Todorovic’ Blick aus dem Bürofenster, vor dem eine Wand aufragt, eine sehr persönliche Reaktion auf ihr urbanes Umfeld. Sie steht damit für eine in der globalisierten Welt typisch gewordene Büroexistenz – monoton, trist, am Arbeitsplatz buchstäblich „einsitzend“, im eigenen Leben gleichsam an den Rand gedrängt und ohne Gestaltungsmöglichkeiten. Verschärft wird dies durch den Zwiespalt der Künstlerin, die ihre Zeit zwischen einer Tätigkeit zum Geldverdienen und der freien künstlerischen Arbeit aufteilen muss. Damit steht sie stellvertretend für unzählige andere, Künstler oder nicht, die im Wirtschaftsleben marginalisiert werden.
Zugleich offenbart ihr aufmerksamer Blick auf die Umgebung überraschende Aus- und Ansichten. Die bewusste Wahrnehmung des urbanen Umfelds schärft das Bewusstsein auch und gerade für die kleinen Details, die die Stadtarchitektur prägen. Durch ihre Aufnahmen gibt Todorovic gleichsam der Stadt ihr Gesicht zurück, indem architektonische Strukturen in den Blick gerückt werden.
Dem Betrachter eröffnet sich ein zunehmend komplexer werdender Assoziationskontext, der unterschiedlichste Kontexte streift. Isolation und zwischenmenschliches Verstummen in einer von Telekommunikationsmedien bestimmten Welt, die Wahrnehmung von „Realität“ im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung, die Verortung in einer sich immer schneller entwickelnden und immer mehr ins WWW verlagernden Welt sind Themen, die die Künstlerin beschäftigen.
Nicht zuletzt sind Todorovic’ Arbeiten auch digital bearbeitet und stehen damit für eine Art der Bildpräsentation, die sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat. Zugespitzt gesagt: Wir sehen die Welt durch Photoshop. Das Leben mit und in einer allgegenwärtigen virtuellen Realität – ist es bedrohlich? Eröffnet es Chancen? Steigt durch die zunehmende Verlagerung des Lebens in den virtuellen Raum nicht das Bedürfnis, sich in der realen Welt zu verorten – in der urbanen Umwelt?

Simone Kraft, M. A. ist Kunst- und Architekturhistorikerin aus Heidelberg (D). Als freie Kuratorin hat sie mehrere internationale Ausstellungen zu zeitgenössischer Kunst u.a. in Berlin kuratiert und ist Preisträgerin des Wolfgang Hartmann Preises 2011 für Kuratoren. Darüber hinaus publiziert sie regelmäßig in verschiedenen Kunst- und Architekturmedien und betreibt den Blog deconarch.com über ARTitecture | Kunst und Architektur. Sie promoviert derzeit über die dekonstruktivistische Architektur.

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